Im Zuge der Corona-Pandemie haben Online- und Versandhandel deutlich zugelegt. Bis 2020 entwickelten sich in der Schweiz die Umsätze im Detailhandel insgesamt und die Onlineumsätze weitgehend parallel. Die Lockdowns haben dem Onlinehandel dann zu einem veritablen Boom verholfen, während Fachgeschäfte weitreichende Umsatzeinbussen hinnehmen mussten. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich der Onlinehandel auf einem höheren Niveau eingependelt. Will heissen: Er hat weder weiter zugelegt noch eingebüsst. Die Pandemie hat folglich den Strukturwandel beschleunigt und zu einer nachhaltigen Verlagerung des Einkaufens ins Internet geführt.
Grafik: Gesamtschweizerische Detailhandelsstatistik
Umsätze saisonbereinigt, real, indexiert (Januar 2015 = 100)
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Bei den einzelnen Produktgruppen im stationären Handel zeigt sich, dass über die Pandemie hinweg insbesondere der Umsatz mit Geräten der Informations- und Kommunikationstechnik nachhaltig zulegen konnte. Bleibende Einbussen sind demgegenüber bei Sportausrüstungen und Spielwaren festzustellen. Die Lebensmittelumsätze entwickelten sich derweil stabil.
Thurgauer Detailhändler werden grösser
Die Verlagerung hin zum Onlinehandel spiegelt sich auch in der Entwicklung der Anzahl Betriebe. Diese nahm schweizweit sowie im Thurgau über die Jahre kontinuierlich und fast identisch stark ab. Insgesamt gab es im Jahr 2020, für das die aktuellsten Zahlen vorliegen, im Kanton Thurgau 1382 Betriebsstätten. Gegenüber 2011 entspricht dies einem Rückgang von über 7 Prozent. Ein gegenläufiger Trend zeigt sich bei der Anzahl der Beschäftigten. Dies ist schweizweit rückläufig. Im Thurgau hingegen nahm die Beschäftigung gemessen in Vollzeitstellen seit 2011 um knapp 5 Prozent zu. Das durchschnittliche Thurgauer Detailhandelsunternehmen wurde also grösser.
Eine Erklärung hierfür dürften die restriktiven Massnahmen im Zuge der Corona-Pandemie sein. Grössere Unternehmen konnten sich eine vorübergehende Schliessung des stationären Geschäfts und einen schnellen Auf- oder Ausbau des Onlinehandels leisten. Für kleinere Unternehmen war dies nur teilweise oder gar nicht möglich.
Grafik: Veränderung Arbeitsstätten und Vollzeitäquivalente
Der Chart visualisiert die Veränderung der Arbeitsstätten sowie der Vollzeitäquivalente der Schweiz und des Kantons Thurgau im Detailhandel über die Jahre 2011 bis 2020 (Index 2011 = 100).
Insgesamt ist im Thurgau rund jede zwanzigste Person im Detailhandel beschäftigt und jede fünfzehnte Arbeitsstätte ist der Branche zuzuordnen. Die Bedeutung des Detailhandels liegt damit ungefähr im schweizweiten Durchschnitt.
Beschäftigte | Anteil an Gesamt- beschäftigung |
Arbeitsstätten | Anteil an allen Arbeitsstätten |
|
Thurgau |
7'699 | 5.5% | 1'386 | 7.1% |
Schweiz | 308'054 | 5.8% | 49'521 | 6.6% |
Jahr 2020, Detailhandel ohne Handel mit Motorfahrzeugen
Quelle: Bundesamt für Statistik
Einkaufstourismus im stationären Geschäft geht zurück
Auch im Einkaufstourismus zeichnet sich ein Wandel weg vom stationären Geschäft hin zum Onlinehandel ab, wie eine Studie des Forschungszentrums für Handelsmanagement der Universität St.Gallen (IRM-HSG) zeigt. Im Kanton Thurgau ist der Anteil der Güter, die im ausländischen Onlinehandel gekauft wurden, im Zeitraum von 2017 bis 2022 um mehr als 5 Prozent gestiegen. Als Hauptgründe werden günstigere Preise und eine grössere Auswahl angeführt. Gesamtschweizerisch betrachtet hat sich der Einkauf bei stationären Geschäften im Ausland demgegenüber im gleichen Zeitraum um mehr als 10 Prozent reduziert.
Diese Entwicklung mag auch mit der höheren Inflation im Ausland zu tun haben. Für Schweizerinnen und Schweizer war es dadurch jüngst weniger attraktiv, für den Einkauf über die Grenze zu fahren. So kaufen 17 Prozent der über 3000 befragten Personen in der IRM-HSG-Studie seit der Rückkehr der Inflation weniger «ennet der Grenze» ein, jede fünfte Person dafür häufiger in der Schweiz. Vier von zehn befragten Konsumentinnen und Konsumenten sind zudem bereit, für ein identisches Produkt in der Schweiz einen Aufschlag von 10 Prozent oder mehr zu bezahlen. Im stationären Geschäft sind überfüllte Züge, die Wartezeit an den Grenzen sowie die Zollabfertigung die meistgenannten Gründe gegen Einkaufen im Ausland. Auch bei Onlinebestellungen wirkt die Zollabwicklung abschreckend, zudem die Lieferzeiten und -kosten.
Besonders bei den Lebensmitteln ist die Bereitschaft hoch, tiefer ins Portemonnaie zu greifen. Hauptgründe hierfür sind das Angebot an Bioprodukten, Regionalität und Frische der Produkte. Demgegenüber zeigt ein Viertel der Befragten überhaupt keine höhere Zahlungsbereitschaft für Schweizer Produkte. (vgl. IRM-HSG, 2022)
Thurgauer Unternehmen nutzen Wachstumschancen
Die Thurgauer Gross- und Detailhandelsunternehmen sehen verschiedene Wege, um Wachstumschancen zu nutzen, wie die jüngste TKB-Firmenkundenumfrage zeigt. Erstens konzentrieren sie sich darauf, bestehende Stärken zu optimieren und so das volle Potenzial ihres Kerngeschäfts auszuschöpfen. Zweitens werden Produkt- und Geschäftsmodellinnovationen umgesetzt. Darunter fallen unter anderem der Ausbau des Onlinehandels, die Personalisierung von Dienstleistungen und Produkten sowie der Fokus auf nachhaltige Geschäftsmodelle. Zudem werden Akquisitionen als weitere strategische Möglichkeiten in Betracht gezogen. Aktuell beurteilt der Grossteil der Thurgauer Detailhändler die Geschäftslage als gut (vgl. Thurgauer Wirtschaftsbarometer, Mai 2023).
Grafik: Ausschöpfung des Kerngeschäfts als grösste Wachstumsmöglichkeit
Frage: Wo sehen Sie die grössten Wachstumsmöglichkeiten für Ihr Unternehmen?
Anteil der Nennungen im Gross- und Detailhandel, Mehrfachnennungen möglich
Dieser Artikel wurde durch die IHK St.Gallen-Appenzell in Zusammenarbeit mit der Thurgauer Kantonalbank erstellt. Die Onlinepublikation wird auf der TKB-Webseite veröffentlicht und kann als Newsletter abonniert werden: Newsletter Wirtschaft Thurgau